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queen and country (2007–2009)

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Eichenholz-Kabinett, 160 Faksimile-Briefmarkenbögen, 260 × 140 × 190 cm
Installationsansicht Manchester Central Library,
Manchester International Festival, 2007

Steve McQueen wurde 2003 vom Art Commissions Committee des Imperial War Museum zum offiziellen Kriegskünstler ernannt. Als er dafür in den Irak reiste, konnte er jedoch, von Sicherheitsvorkehrungen in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, nicht wie geplant filmen. Er entschied sich, eine Briefmarkenserie herauszugeben, welche den gefallenen britischen Soldaten ein Denkmal setzen sollte. Die Familien der Verstorbenen unterstützten das Projekt zur Mehrheit und steuerten Fotografien der im Krieg gefallenen Söhne und Töchter für die Briefmarkenbögen bei. Diese Faksimiles, jeweils mit dem königlichen Profil in einer Ecke versehen, werden in einem Eichenkabinett in vertikal ausziehbaren Schubern ausgestellt. Das Kabinett reiste an verschiedenste Institutionen in Grossbritannien und wuchs über zwei Jahre auf 160 Bögen mit Portraits heran. Der Künstler betrachtet Queen and Country allerdings noch nicht als vollendet. Bis eine offizielle Edition von der Post herausgegeben wird, ist die Bestimmung des Werks nicht erfüllt. Das Ministry of Defence wie auch die Royal Mail lehnten jedoch bisher alle Initiativen in diese Richtung ab. Es widerstrebt dem Künstler grundsätzlich, Queen and Country als museales Werk zu belassen, denn erst wenn die Briefmarken in die Welt versandt werden und so in Umlauf kommen, können sie die Erinnerung an die zahllosen Gefallenen wecken und zum Gedenken verbreitet werden.

Mit Queen and Country steht Steve McQueen in einer bis heute aufrechterhaltenen britischen Tradition der Kriegskünstler. Als beauftragte «war artists» dokumentieren diese den Kriegsalltag – man denke dabei etwa an Henry Moores Underground Shelter Drawings, welche die vor den Bomben fliehenden Zivilisten im Londoner U-Bahn-System in eindrücklichen Zeichnungsserien festhalten.

Die Kultur des Erinnerns an kriegerische Verwicklung wird im gesamten Commonwealth jährlich mit dem Remembrance Day (oder Poppy Day) gelebt, an dem man sich als Zeichen von Solidarität und als Erinnerung an die Gefallenen im Ersten Weltkrieg eine rote Mohnblume («poppy») an das Revers steckt. Im Falle eines Krieges, der noch in vollem Gang ist – zur Zeit der Entstehung von Queen and Country waren die britischen Truppen immer noch im Kriegsgebiet stationiert – wird eine Kommemoration schnell paradox. Bekanntermassen war der Irakkrieg sehr umstritten, eine glorreiche nationale Repräsentation des Kriegs hätte zwangsläufig konstruiert und grotesk gewirkt. Steve McQueens Briefmarkenserie, die auf Fortsetzung angelegt ist, spiegelt in dieser Offenheit ganz unmittelbar die Tragik und die Unausweichlichkeit der bewaffneten Einsätze. Sein Werk richtet den Blick auf die einzelnen Schicksale und die Konsequenzen für die Familien und Bürger des Vereinten Königreichs. Dafür scheint die «kleine Form» der Briefmarke besonders geeignet. Wie an der Verweigerung der Veröffentlichung einer Briefmarkenedition abzulesen ist, büsst dieses Werk aber keineswegs an Brisanz ein.