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Orte und Geschichte(n)

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Gravesend (2007)

Lässt sich in den früheren Video- und Filminstallationen kaum eine narrative Struktur erkennen, gesellt sich zu den späteren Arbeiten ein erzählerisches Moment. Die zwei zusammengehörigen Werke Carib’s Leap und Western Deep leiten eine Phase in Steve McQueens Schaffen ein, die sich durch längere filmische Arbeiten auszeichnet und sich zwischen dokumentarischen Aufzeichnungen und subjektivem Erlebnis bewegt. Die Arbeiten sind stark vom Ort der Aufnahmen beeinflusst, dem eine bestimmte (Vor-) Geschichte innewohnt, etwa die Kolonialzeit in Carib’s Leap oder die miserablen Arbeitsbedingungen in den Minen Südafrikas in Western Deep. Die Eigentümlichkeit des Orts wird in den Bildern aber nicht erklärt. Es dominieren Stimmungen, lose Szenen und Handlungen, die für sich stehen, ohne dass die grösseren Zusammenhänge explizit ausgeführt werden. Diese Eigenschaften ziehen sich durch viele der längeren, erzählerisch angelegten Werke Steve McQueens.


«It’s not documentary – it’s using and abusing
documentary to do something else.
Documentary claims to give you the full picture,
but here the viewers have to fill in a huge
part of what’s going on.»

So ist beispielsweise der historisch-politische Hintergrund von Gravesend nur in der Szene mit dem Sonnenuntergang über dem Hafen der Stadt Gravesend zu erahnen: In eben diesem Hafen an der Themse beginnt die Erzählung von Joseph Conrads berühmtem Roman Heart of Darkness (1899), der eine abgründige Reise in den Kongo während der Kolonialzeit schildert. Auf subtile Weise ergeben sich in Film und Titel Gravesend eine historische Parallele zwischen der kolonialen Ausbeutung Afrikas während der Industriellen Revolution und der gegenwärtigen Ausnutzung durch die Konsumgesellschaft in Folge der Digitalen Revolution. Die Montage kontrastreicher Filmbilder verdichtet sich zu einer geopolitischen Aussage über globale Abhängigkeit und Diskrepanz.

Ähnlich kryptisch und zugleich scharf beobachtet erscheint der Umgang mit dem NASA-Projekt Voyager im Werk Once Upon a Time. Die Projektion zeigt in langsamer Überblendung eine Abfolge von 116 Bildern, die 1977 von der NASA als Informationen über die Erde an mögliche extraterrestrische Existenzen mit den Raumsonden Voyager I und II ins All gesandt wurden. Schon damals geriet dieses verzerrte Selbstportrait der Menschheit in Kritik, denn Armut, Ungerechtigkeit und Krieg sind ausgeklammert. Das Projekt zeugt insbesondere aus heutiger Sicht von einem kaum mehr vorstellbaren Glauben an solch utopische Vorhaben. Die Zeitkapsel, eingefroren in den späten 1970er-Jahren, entfernt sich nicht nur geografisch immer weiter von der Erde (die Raumsonden befinden sich mittlerweile in der Heliosphäre, Billionen von Kilometern von der Erde entfernt), sondern auch von unserer heutigen Gegenwart. Steve McQueen kombiniert diese von Wissenschaftlern getroffene Auswahl an visuellem Material mit Sprachgewirr aus dem Unterbewussten. Mit Audioaufnahmen von tranceähnlichen, unverständlichen Spracherzeugnissen (sogenannter Glossolalie) ergänzt, scheint der Künstler die Frage zu stellen, ob die von uns ausgesandten Codes überhaupt jemals verstanden werden.



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