Juli
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
26
27
28
29
30
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31

Sehen und berühren

00_sehen_rgb_2001_illuminer_new04_300dpi_ofd_crop_lessebo_52.jpg

Illuminer (2001)

In vielen Werken von Steve McQueen ist das Moment der Berührung zentral. Haptik und Optik überkreuzen sich. In Charlotte fixiert das Objektiv ein Auge, dem sich ein Finger nähert. Das Auge erscheint in der Nahaufnahme höchst fragil und in der Berührung durch den Finger gefährdet. Die Sensibilität dieses Sinnesorgans erinnert an weniger sanfte Behandlungen des weiblichen Auges im Film. Man denke etwa an den berühmten surrealistischen Film von Luis Buñuel, Un Chien Andalou (1929), in dem ein Augapfel dem Schein nach aufgeschlitzt wird, oder an Vito Acconcis Video Pryings (1971), worin als Performance das geschlossene Auge einer Frau gewaltsam aufgezwungen wird. Wobei auch in Charlotte Zärtlichkeit und Gewalt ganz nahe beieinander liegen. Das ganz in Rot getauchte Filmbild impliziert Erotik und Intimität, aber auch Nötigung und Aggression. In der Parallelisierung von Berührung und Sehen in Charlotte wird die abtastende Beschaffenheit des Blicks spürbar. Da das sehende Auge zugleich gesehen (beziehungsweise berührt) wird, kann das Sinnesorgan als Symbol für das Kameraauge gelten und ruft die Vorstellung vom Sehen im Kino wach.


«The eye is the only part of the body
that is all about the inside
as such. Like an open wound.»

Eine Konstellation solch gegenläufiger Blickrichtungen findet sich in ähnlicher Weise in Illuminer Das Fernsehbild strahlt auf den Zuschauer im Bild ab, auf dem wiederum sich die Blicke des Betrachters sammeln; man sieht ihm zu, wie er fernsieht. Was in Illuminer überhaupt sichtbar wird, hängt erneut von der filmenden Kamera ab. Der in der «dunklen Kammer» strapazierte Autofokus der Digitalkamera lässt das Hotelzimmer immer wieder in diffuse Finsternis absinken. Noch schattenhafter ist das Bild in Western Deep. Der Abstieg in die Tiefe gleicht einem Eindringen in einen Körper: Die im abtastenden Licht der Helmlampen aufscheinenden Eindrücke erinnern an Aufnahmen eines Endoskops und zeigen Fragmente in den Eingeweiden der Erde, wo Minenarbeiter sich unter schwersten Bedingungen abmühen. Leuchtende Vorstellungen von triumphierender Globalisierung, die mit dem Goldabbau befördert wird, werden vom Schwarz des Berginnern gelöscht. Steve McQueens gefilmte Bruchstücke zu den Spätfolgen von Kolonialherrschaft und Rassismus zerlegen die objektive und daher objektivierende Filmsprache des dokumentarischen Films. Die Unfassbarkeit dieser Zustände gleitet in eine für Sichtbarkeit und Repräsentation ungreifbare Zone ab.

Von schonungsloser Offenheit ist dagegen der Blick in den beiden Spielfilmen Hunger und Shame. In beiden Filmen erträgt der Protagonist (gespielt von Michael Fassbender) ein körperliches Martyrium, das schon beim Zuschauen schwer zu ertragen ist. Hunger ist eine Sicht ins Innere des nordirischen Gefängnisses Maze nahe bei Belfast, wo der IRA-Aktivist Bobby Sands inhaftiert war und 1981 während seines Hungerstreiks starb. Berührung und Kontakt schlagen hier über in Gewalt. Die Bilder gehen unter die Haut, wegen der Direktheit der ungeschminkt gefilmten Szenen und der Brutalität des Aufeinanderprallens von Gefangenen und Wärtern. Shame hingegen beschreibt das Leben eines in seinem Körper gefangenen Menschen, dessen sexuelle Triebe ihm die Willens- und Handlungsfreiheit rauben.



zurück zu «Ausstellung»